181 x 144 cm
Türkei, erste Hälfte 19. Jhdt.
Zustand: dem Alter entsprechend gut, großteils guter Flor, Seiten und Enden leicht beschädigt, ein kleines Loch unten im Feld, einige alte Reparaturen
Kette: Wolle, Schuss: Wolle, Flor: Wolle
Dieser wunderbare Teppich zeigt die synergetische Kunst ländlich-dörflichen Teppichschaffens auf das Vortrefflichste. Das mächtige Hauptmotiv weist zum einen in Richtung des östlichen Nachbarn im Kaukasus, zu den Sewan-Kasaks, zum anderen nach Westen zu Gebetsteppichen, beispielsweise jenen der Yörük, die ein kopfförmiges Mihrab zeigen. Diese wiederum haben ihre Vorbilder in den sogenannten Re-entrant- oder Bellini-Teppichen.
Allerdings besitzen die bisher genannten Beispiele nur einen "Kopf" auf jeder Seite und sind nicht dreigliedrig. Diese Gliederung führt uns nach Westanatolien, wo wir sie, häufig Rot auf weißem Grund, ebenfalls finden. Der schönste ist vielleicht jener, der bei McMullan auf Tafel 92 abgebildet ist.
Für unser ostanatolisches Exemplar hatte die Knüpferin offensichtlich eine sehr klare Vorstellung von dem, was sie darstellen wollte. Selten sieht man Füllmotive derart streng, fast wie Zeilen einer Schrift, angeordnet. Sehr viel weniger abwechslungsreiche, allerdings ebenfalls streng geordnete Motivzeilen finden sich auch auf dem McMullan-Stück.
Diese Teppiche mit gespiegelten Giebelnischen lassen sich weiter auf die transsilvanischen Nischenteppiche und deren Vorfahren zurückführen. Zum Vergleich bieten sich auch zwei Teppiche bei Walter Denny, "Anatolian Carpets", Nr. 51 und 52, sowie ein Ladik zugeschriebener Nischenteppich bei Schürmann, "Teppiche aus dem Orient", Seite 75, an.
Richtig spannend wird es nun, wenn wir uns von Ostanatolien südwärts in den Libanon wenden. In der "Exhibition of Oriental Carpets", die im Mai 1963 im Nicolas Sursock Museum in Beirut stattfand, ist auf Tafel 86 ein Exemplar abgebildet, das dem unseren erstaunlich ähnlich ist. Die Hauptbordüre, die getreppten, kopfförmigen Mihrabs und die vergleichbaren Füllmotive zeigen eine deutliche Verwandtschaft; allerdings sind dort die Mihrabs nicht nach unten gespiegelt.
Dieser Teppich sowie ein verwandtes Exemplar in "Prayer Rugs" von 1974, Tafel XLIII, stammen aus dem Ort al-Fakiha im Bekaa-Tal im Libanon. Leider sind beide nur in Schwarz-Weiß abgebildet.
Schätzpreis: € 14000 - 18000