96 x 57 cm
Kaukasus, 18. Jhdt.
Zustand: sehr gut, leichte Abriebe, leichte Gebrauchsspuren
Seide auf Baumwolle
Erstaunlich viele dieser Stickereien aus Daghestan sind auf einem blauen, handgewebten Baumwollgrund ausgeführt. Seltener finden sich rote oder weiße Gründe, während Grün ausgesprochen selten ist. Ob diese Farbwahl eine besondere Bedeutung hatte - schließlich waren die Stickereien unter anderem zum Abdecken von Kinderwiegen bestimmt - oder ob sie anderen Umständen geschuldet war, ist ungeklärt.
Am Ende des Lebens erhielten diese Textilien eine weitere, gänzlich andere Funktion: Sie wurden über das Gesicht des Verstorbenen gelegt. Ein Textil von der Wiege bis zur Bahre.
Es existiert nur eine recht begrenzte Anzahl dieser expressiven Stickereien. Ihre Muster lassen sich zwar bisweilen bestimmten Gruppen zuordnen, doch letztlich ist jedes Stück höchst individuell gestaltet. Für unser Exemplar findet sich in Robert Chenciners bahnbrechendem Buch "Kaitag - Textile Art from Daghestan" kein direkter Vergleich. Eine gewisse Annäherung bieten allenfalls die Stücke Nr. 141-144 mit ihren verbundenen Kreismedaillons und Swastika-Wirbeln. Auch dort greifen Halbkreise in die Komposition hinein, doch neben dem fehlenden Strahlenkranz und den andersartigen Nebenmotiven unterscheidet sich die gesamte Anmutung deutlich von unserem Stück.
Allerdings hatten wir das Glück, am 27. Januar 2024 ein geradezu als Geschwisterstück zu bezeichnendes Exemplar auf dunkelblauem Grund für vergleichsweise günstige 9.500 verkaufen zu dürfen. Abgesehen von der dunkleren Grundfarbe besteht der wesentliche Unterschied darin, dass dort anstelle des "Oktopoden" ein Kreuz im Zentrum dargestellt ist.
Die vorliegende Stickerei besitzt insgesamt hellere Farben, wirkt dadurch etwas leichter, und auch ihre Zeichnung erscheint verspielter. Gerade im unmittelbaren Vergleich der beiden Stücke wird deutlich, wie frei die Stickerinnen innerhalb eines offenbar gemeinsamen Mustervokabulars ihre Kompositionen gestalten konnten.
Schätzpreis: € 10000 - 15000